Tanz auf dem Vulkan?

Wer schon einmal einen organisierten Ausflug über die Insel gemacht oder sich in einem Reiseführer in lobenswerter Eigeninitiative informiert hat, der wird erfahren haben, dass man auf Gran Canaria ohne Angst vor einem Vulkanausbruch urlauben kann. Hier herrsche tote Hose in dieser Hinsicht, da die Insel zu den betagteren Eilanden des Archipels gehört und alle Vulkane längst erloschen seien. Die letzte Eruption hat schließlich vor rund 2.000 Jahren im Bandama-Krater vor den Toren der Inselhauptstadt Las Palmas stattgefunden. In diesem Artikel wird der Leser eines Besseren belehrt, denn jüngst bin ich in einer kanarischen Tageszeitung (Canarias7 v. 27.4.18) auf einen interessanten Artikel gestoßen....

Vulkankrater "Los Marteles" auf Gran Canaria
Vulkankrater "Los Marteles" auf Gran Canaria

Vulkanologen haben anlässlich einer Studie zum geothermischen Potential der Insel nach Spuren von vulkanischer Aktivität gesucht und sind im Norden und Nordosten von Gran Canaria fündig geworden. Der Vulkanismus verrät sich dort durch große Mengen an Kohlendioxid, die aus dem Gestein in die Atmosphäre entweichen. 2.500 Messungen in einem 605 Quadratkilometer großen Gebiet haben ergeben, dass hier täglich 5,8 Tonnen Kohlendioxid pro Quadratkilometer in die Atmosphäre entweichen. Daran ist bemerkenswert, dass Gran Canaria damit bei diesem Emissionswert sogar leicht über den bekanntermaßen vulkanisch noch recht aktiven Nachbarinseln Teneriffa und La Palma liegt.

Vulkankrater "Pinos de Gáldar" auf Gran Canaria
Vulkankrater "Pinos de Gáldar" auf Gran Canaria

Letztendlich sind alle Inseln des Archipels in einem einzigen vulkanischen System miteinander verbunden. Unter der Erdkruste in dieser Region gibt es mehrere große Magmablasen, die das geologische Geschehen auf allen Inseln gleichermaßen beeinflussen. Man kann die Sache auch so betrachten, dass der kanarische Archipel nichts anderes ist als ein einziger gewaltiger Seevulkan mit mehreren Kratern, von denen einige die Oberfläche des Ozeans durchstoßen und damit die kanarischen Inseln bilden. Der höchste dieser Krater ist der Teide auf Teneriffa, der damit auch gleichzeitig der dritthöchste Seevulkan unseres Planeten ist. Er erhebt sich vom Grunde des Ozeans rund 7.500 Meter in die Höhe und wird nur noch von den beiden Seevulkanen Mauna Kea und Mauna Loa auf Hawaii überragt, die beide auf rund 10.000 Meter kommen (genau genommen ist der Mauna Kea damit der höchste Berg unseres Planeten).

Auch die immer wieder rund um die Insel auftretenden kleineren Seebeben deuten darauf hin, dass wir auf einem schlummernden Vulkan sitzen und das Thema noch längst nicht abgehakt ist, nur weil die Krater auf Gran Canaria aktuell nichts ausspucken. Der Zeitraum von 2.000 Jahren ist in geologischer Zeitdimension nichts weiter als ein Wimpernschlag. 

Blick von Gran Canaria aus auf den "Teide" auf Teneriffa
Blick von Gran Canaria aus auf den "Teide" auf Teneriffa

Dennoch sollte diese Nachricht nicht beunruhigen, da selbst beim „Worst-Case“ zu beachten ist, dass die kanarischen Vulkane recht friedliche und gemütliche Vertreter ihrer Zunft sind, wie die gerade sehr aktiven Exemplare auf den Nachbarinseln zeigen. Hier brummeln und stinken beispielsweise die Vulkane von Teneguía auf La Palma (letzter Ausbruch im Jahre 1971), der Teide auf Teneriffa (letzter Ausbruch im Jahre 1909) oder die jüngsten unterseeischen Eruptionen vor El Hierro (letzter Ausbruch im Jahre 2012) vor sich hin. Das liegt vor allem daran, dass sich der kanarische Archipel mittlerweile von der unruhigen Plattengrenze, dem sogenannten mittelatlantischen Rücken, entfernt hat. Anders als beispielsweise Island, ist hier kaum mit gewaltigen, energiegeladenen Ausbrüchen zu rechnen.

Erdbebenkarte für den Zeitraum 17.4. bis 27.4.2018
Erdbebenkarte für den Zeitraum 17.4. bis 27.4.2018

Auch hört man gelegentlich von Erdbeben, die ihre Epizentren zumeist im Ozean zwischen Gran Canaria und Teneriffa haben, wo sich in einer Tiefe von 1.630 Metern unter dem Meerespiegel der Unterseevulkan Enmedio befindet. Auch zwischen Gran Canaria und Fuerteventura grummelt es gelegentlich. Diese Beben befinden sich auf der Richterskala regelmäßig mit ihren Amplituden zwischen 2 und 3, wobei sich die Aktivitäten tief im Erdinneren abspielen und von den Insulanern in den meisten Fällen überhaupt nicht wahrgenommen werden. Auch diese Form der geologischen Aktivität gehört zu den kanarischen Inseln und sollte kein Grund zur Besorgnis sein. Anders als in den tektonisch sehr aktiven Zonen im Mittelmeer (Italien, Griechenland, Türkei), bei denen es immer wieder zu schweren Erdbeben kommt, die schwere Schäden an Mensch und Material fordern, sind die Beben um die Kanaren nur ein gelegentliches leichtes Hüsteln des oben bereits beschriebenen vulkanischen Systems.

© Guido Gottfried 2018